Was man auf dem Friedhof übers Leben lernen kann. Mit Doris Unsleber unterwegs auf dem evangelischen Friedhof in Düren.

Doris Unsleber ist diplomierte Biologin und Gärtnerin – und hat seit ihrer Kindheit eine Leidenschaft für Friedhöfe. Für die Leiterin der Erwachsenenbildung der evangelischen Gemeinde zu Düren sind Friedhöfe nicht nur Orte des Gedenkens, sondern auch Räume intensiven Naturerlebens und Nachdenkens. Wir sind auf dem Evangelischen Friedhof Kölnstraße verabredet, einer grünen Oase mitten in Düren, um darüber zu sprechen, was man auf dem Friedhof übers Leben lernen kann.

Das Gespräch führte Birgit-Sara Fabianek.

Hallo Frau Unsleber, ist das hier Ihr Rückzugsort? DORIS UNSLEBER: Ja, dieser Friedhof ist einer meiner Lieblingsplätze. Auf dem Weg hierher umtost einen der Verkehr, es ist laut, es ist hektisch, man muss aufpassen – und dann tritt man durch das schmiedeeiserne Tor und es gibt nur noch Fußgänger und Vögel und Grün. Und von jetzt auf gleich ist man dieser Welt draußen entrückt und an einem anderen Ort. Für mich findet hier das eigentliche Leben statt, hier komme ich zu mir selbst und spüre, dass ich in der Schöpfung zuhause bin.

Was heißt das für Sie? Auf dem Friedhof spürt man, dass man ein Teil dieses Werdens und Vergehens ist: Der Kreislauf des Lebens startet genau hier, wo wir enden. Unsere Körper lösen sich auf, werden zu einer Nadel der Scheinzypresse dort vor uns oder zu einer Beere der Eibe hier rechts oder zu einem Pilz oder Regenwurm: Das macht das Besondere dieses Ortes aus.

Mochten Sie Friedhöfe immer schon? Ja, ich habe als Kind meine Oma gerne auf den Friedhof begleitet. Während sie das Grab meines Uropas pflegte, habe ich unter der Trauerweide gespielt und mich dort beschützt gefühlt. Ich fand es als Kind auch immer ungerecht, dass die einen Gräber viele Blumen hatten und andere gar keine. Da habe ich dann gerne mal für Ausgleich gesorgt (lacht).

Ich verbinde mit Friedhöfen eher langweiliges Immergrün wie Thuja oder Efeu und eine recht vordergründige Symbolik.

Der Efeu ist eine typische Symbolpflanze auf Friedhöfen, die für Hoffnung steht. Aber man kann noch etwas anderes davon lernen. Kommen Sie, ich zeige Ihnen was.Wir stehen auf, verlassen die lauschige Bank und gehen zu einer der alten Backsteinmauern, die den Friedhof umgrenzen.Hier wächst überall Efeu. Doris Unsleber klemmt sich ein Efeublatt zwischen die Finger und fordert mich auf, genau hinzuschauen. Sehen Sie, dies ist ein junges Efeublatt. Das Blatt ist gelappt und von feinen weißen Rippen durchzogen, es sieht aus wie geschminkt. Und jetzt schauen Sie sich einmal dieses Blatt an. Das ist ein Blatt vom geschlechtsreifen Efeu. Sehen Sie den Unterschied? 

Die Blattform ist nicht mehr so zipfelig und verspielt, sondern herzförmig. Und es ist schlicht grün. Genau, es ist schlicht und ungeschminkt. Der Efeu scheint sich im Alter auf das Wesentliche zu besinnen (lacht). Und er hält noch eine Weisheit bereit: Er blüht im Herbst, denn dann hat er keine Konkurrenz und wird von Bienen umschwärmt, die noch einmal richtig Kraft tanken bei ihm.
Wir spazieren weiter. Doris Unsleber will mir den Schmetterlingsgarten zeigen, den die Gemeinde auf dem Friedhof frisch angelegt hat, um Schmetterlinge anzulocken und ihnen Raum zu gewähren, weil sie in der Stadt immer seltener werden. Außerdem gilt der Schmetterling als Symbol für die Transformation, deshalb findet man ihn auch auf einigen Grabmälern. Ich stelle mir blühende Fliederbüsche und bunte Blumen vor. Als wir an dem Streifen Erde neben dem Columbarium ankommen, der für Schmetterlinge reserviert ist, sieht es eher wild aus: Neben einem Schmetterlingsflieder sind Brombeerranken zu sehen, eine Weide und ein paar kleine Brennnesseln.
Hier wachsen nicht nur Pflanzen, die Schmetterlinge anlocken, sondern auch Futterpflanzen für die Raupen. Und es ist immer wieder faszinierend: Sobald irgendwo Platz ist oder sich Leerräume auftun wie hier, kommen Wildpflanzen und erobern sie. Wie die Melde, sehen Sie mal hier an der Mauer – das ist eine Pionierpflanze, die hat sich gleich hier ausgebreitet, eine Art heimisches Superfood, das kaum noch jemand kennt.

Heißt das, sobald sich Leerräume auftun, siegt die Natur? Ach nein, wir sind ja auch Natur. Deswegen kann die Natur nicht siegen oder wir gegen sie verlieren. Aber was wir hier sehen oder auch auf diesem Grab (wir wenden uns vom Schmetterlingsgarten ab und gehen ein paar Schritte den Weg entlang), das schon lange nicht mehr gepflegt wurde und zu einer Art Brache geworden ist – auf diesen mageren und armen  Böden breiten sich Wildkräuter aus und es siedeln sich ganz unterschiedliche Arten an. Auf einer fetten, gedüngten Wiese mit vielen Nährstoffen gibt es nur Gras und Löwenzahn, weil er am potentesten ist und sich durchsetzt. Aber wenn der Boden arm ist, dann siedeln sich dort Orchideen, Kuhschellen und alle möglichen Pflanzen an, das ist ein Paradies für Spezialisten. Je ärmer der Boden, desto mehr Raum bietet er Nischenbewohnern.

Eigentlich ist ein Friedhof ja ein gut sortierter Raum: Es gibt einen Hauptweg und Nebenwege, jedes Grab hat seinen streng zugewiesenen und abgemessenen Platz und es gibt eine Friedhofsordnung, in der alles geregelt ist, was man darf und nicht darf. Ja, und trotzdem gibt es immer wieder diese wilden Brachen, die sich überall Bahn brechen.
Wir gehen sinnend ein paar Schritte und schauen uns um.

Hier ist noch ein Grab, das ist auch lange nicht mehr gepflegt worden, die Grabplatte ist schon abgesunken. Aber trotzdem wächst hier was. Ich sehe Sauerklee, Kohldistel, Hahnenfuß, also die Butterblume, und der Gundermann, das ist ein Wildkraut, das man essen kann, dann ist da noch eine kleine Wicke, das Fünffingerkraut – hier haben sich mehr als eine Handvoll Wildpflanzen selbst ausgesät, denen die versiegelten Flächen in der Stadt und um den Friedhof herum keinen Raum mehr bieten.

Der Friedhof ist also auch eine Art Refugium, nicht nur für Menschen, sondernm auch für Tiere und Pflanzen. Und dafür braucht es Brachen, also Orte, die Nischenbewohner anziehen? Sie werden sofort wieder besiedelt. Und das passiert nicht nur auf brachliegenden Grabflächen, sondern auch auf Steinen. Schauen Sie mal, auf diesem Grabstein wachsen zum Beispiel Flechten.

Schrubbt man die nicht eigentlich weg? Leider. Aber auf diesem Friedhof darf nur naturnah gepflegt werden, auf Pflanzenschutzmittel und chemische Reiniger für Steine wird verzichtet. Flechten können uns eine Menge lehren: Es sind nämlich Lebewesen, die wie ein perfektes Ehepaar funktionieren. Denn sie bestehen aus zwei Organismen: Einer Alge und einem Pilz.

Zwei tun sich zusammen und bilden eine neue Lebensform. (lacht) Richtig – wie in einer Ehe mit einer strengen Arbeitsteilung: Der Pilz ist dabei für die Verankerung nach unten zuständig und nimmt die ganzen Spurenelemente auf. Die Alge übernimmt die Photosynthese, das heißt, die Energieversorgung. Allerdings vermehren sie sich unabhängig voneinander und müssen sich dann wieder neu finden.

Klingt kompliziert. Aber so bleibt die Beziehung, oder besser Verflechtung, natürlich spannend. Noch extremer sind Moose.
Wir schauen beide auf den Boden und suchen nach Moos. Doris Unsleber ist unter einer mächtigen Eibe fündig geworden.

Das sieht aus, als würde es gleich zu Staub zerfallen. Moose können ihre Lebensfunktionen fast auf Null fahren. Aber wenn Sie dieses Moos ins Wasser legen und zwei Tage warten, dann saugt es sich voll wie ein Schwamm und lebt wieder auf. Es kann Durststrecken überwinden. Und auf bessere Zeiten warten.

Solche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sich das Moos anschauen? Oft hilft mir der Blick in die Natur, die Probleme in meinem Leben zu relativieren oder aus einer anderen Perspektive zu sehen. Oder ich versuche, den Umgang von Pflanzen mit bestimmten Widrigkeiten zu adaptieren.

Macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie zum Besinnen in den Wald gehen oder auf einen Friedhof? Ja, der Friedhof ist noch ein Stück näher dran am Leben. Hier konzentriert sich alles, weil hier klar wird, wie sehr der Tod zum Leben gehört. Ein Gang über den Friedhof erinnert mich daran, wie kostbar das Leben ist. Das macht demütig. Und dankbar. Ganz eindrücklich habe ich das erlebt, als ich hier in der Nähe durch einen Hospizgarten spaziert bin. Dort gibt es sterbende Bäume und verrottendes Holz als Sinnbild für die Endlichkeit des Lebens. Es ist wunderschön zu sehen, wie sich ein Baum langsam immer mehr zurückzieht und weniger wird. Und je mürber und durchlässiger er wird, desto mehr Leben breitet sich auf ihm aus, weil er anderen Wesen Raum bietet: Der Specht kann in ihn eindringen, der Borkenkäfer kann bei ihm Fuß fassen, Baumläufer besiedeln ihn, auch Moose. Der Sterbeprozess bietet unglaublich viel Raum für Leben. Ein kraftvoller, junger Baum lässt das nicht zu, weil sein Holz viel zu hart und widerstandsfähig ist.

Sie meinen, je mehr das Leben seine äußere Form und Kraft verliert, desto mehr Leben passt hinein? Sterben ist ein Prozess, der von Leben erfüllt ist. Und Tod bedeutet nur, dass der Kreislauf des Lebens neu beginnt. Man schafft Platz für Neues und wird ein Teil davon.

Das führt weiter

Die Evangelische Familien- und Erwachsenenbildung in Düren bietet ab April 2019 drei Fortbildung für Erzieher*innen und pädagogische Fachkräfte im Grünraum an: Im Februar beginnt die Qualifizierung zur Kräuterpädagog*in, ab April geht es um Gartenpädagogik und ab September kann man sich zur Waldgruppenleiter*in weiterbilden lassen.

Mehr Infos zu den Fortbildungen gibt es bei Doris Unsleber:
Tel. 02421/188-120